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Hier veröffentlichen wir ausgewählte Erlebnisberichte von Frauen, die aus politischen Gründen in Hoheneck inhaftiert waren. Geschichte besteht oft aus abstrakten Zahlen, die die direkten Auswirkungen, das persönliche Leiden des Individuums, die Trennung von Partner und Kindern, nicht oder nur ansatzweise vermitteln können. Mit den Erlebnisberichten wollen wir versuchen, das zu ändern.

Jede Frau, die als politischer Häftling in Hoheneck eingesperrt war, ist aufgerufen, ihre Geschichte in kurzen Worten darzustellen und an den Frauenkreis zu schicken. Niemand kann es besser erzählen als die, die es selbst erlebt haben.

Lasst uns verhindern, dass dieses Unrecht in Vergessenheit gerät.

Alex Latotzk


Das Copyright für jeden Bericht liegt bei der betroffenen Frau!

Marianne Meierhofer
(aus einem Interview zusammengefasst)
 

Ich bin Jahrgang 1929 und natürlich war ich beim BDM. Damals gab es kaum einen, der nicht dabei und nicht auch begeistert davon war. Das konnte uns damals gar nicht schnell genug gehen. Sonst hat sich ja auch niemand um uns gekümmert, war in unserem Dorf doch nichts los oder jemand da, der sich mit uns beschäftigte. Aber die, die haben Reisen mit uns gemacht, ins Ferienlager und so. Von Verfolgung, Konzentrationslagern und alle dem haben wir als Jugendliche dagegen nichts erfahren und von den Kriegswirren hörten wir nur im Radio oder im Kino. Es waren Meldungen darüber, was für Fortschritte unsere Soldaten machten und das es uns gut geht.

Was verstanden wir als Kinder denn von Politik? Wir waren das, was man als artige Kinder bezeichnet, wir hörten und glaubten dem, was uns die Eltern, die Lehrer und andere Erwachsenen erzählten. So wie Kinder überall auf der Welt.

Das endete dann schlagartig mit dem 8. Mai 1945, als die Russen in unserem Dorf einmarschiert sind. Noch heute kann ich diese Zeit nur schwer beschreiben. Meine Oma hat uns im Keller versteckt, denn die haben ja alles vergewaltigt, was ein Mädchen war. Eine Frau aus Schlesien, die war eben erst bei uns untergekommen und war hochschwanger, die haben sie erst vergewaltigt und dann im Keller aufgehängt. Ein anderer Soldat der war geschlechtskrank und der hat das Mädchen nach der Vergewaltigung dann einfach umgebracht, damit keiner seiner Kameraden mehr an sie dran geht und sich ansteckt. Ich kann das nicht beschreiben. Ich glaube auch, das kann nur an dem Alkohol gelegen haben, den die ständig tranken, denn normal kann ein Mensch doch gar nicht so schlecht sein, dass er mit anderen Menschen, die ihm nun gar nichts getan haben, so umgeht.

Einige Monate später, am 23. August 1945, bin ich dann mit meiner Cousine wegen antisowjetischer Propaganda verhaftet und im September in Chemnitz von einem Militärtribunal zu sieben Jahren Strafarbeitslager verurteilt worden. Wir hatten am Ortseingang ein Plakat aufgehängt, wo wir die KPD aufforderten, uns mehr zu essen zu geben. Meine Cousine hatte bei der Vernehmung alles gestanden und so blieb mir auch nichts anderes übrig. Mit uns war auch noch ein Freund aus Berlin festgenommen. Der hatte damit zwar überhaupt nichts zu tun, aber den haben sie auch verurteilt.

Bei der Verhandlung waren nur zwei russische Offiziere, zwei Schreiber und noch so zwei Leute anwesend. Die haben uns auch ziemlich kurz abgeurteilt und im November kamen wir dann nach Bautzen. Zunächst waren wir die beiden einzigen Frauen, aber dann kamen immer mehr, Männer und Frauen. Auch viele Jugendliche, die zum Tode verurteilt waren, weil sie angeblich Wehrwölfe gewesen sein sollen. Wir hatten eine Zelle, die von Tieffliegern beschossen war und ein Loch in der Tür hatte. So konnten wir immer sehen, wenn ein neuer Transport kam. In der Zelle neben uns waren einmal vier Jungs, die waren zum Tode verurteilt und einer nach dem anderen wurde nachts rausgeholt. Die pfiffen dann immer noch auf dem Weg „Ich hat einen Kameraden“. Es war grausam, das zu hören. Der Letzte, der hatte ein Gnadengesuch eingereicht und dem haben wir Hoffnung gemacht, du kommst bestimmt durch haben wir ihm immer wieder gesagt, den haben sie dann aber auch geholt.

Also das als junger Mensch so zu verarbeiten, das ist schon schwer. Wenn sie das heute einem erzählen, glauben die Leute das gar nicht. Da war auch eine alte Frau, so eine Arbeitslagerleiterin, die hat gesagt, sie hat das Lager nur geleitet, niemanden umgebracht. Die haben sie auch nachts raus geholt und die kam nicht wieder. Die ganze Zeit hat sie nur noch gefleht "nicht kaputt machen, nicht kaputt machen, nicht kaputt machen". Durch unser Loch das da war, konnten wir ziemlich viel beobachten.

Unser Essen in Bautzen bestand aus Suppe, dünner Graupensuppe. Oftmals haben wir uns draußen beim Hofgang, wenn der Posten mal nicht hinsah, Löwenzahn gerupft und in die Suppe getan. Nur dann, wenn eine prüfende Kommandantur kam, war das Essen besser. Da war es dickes Essen, da steckte der Löffel drin. Die fragten dann auch, ob wir Beschwerden hätten, doch aus Angst hat sich keiner getraut, etwas zu sagen. Es sind ja auch viele gestorben in Bautzen und Sachsenhausen. Die Männer, die waren wie wandernde Kleiderständer, so dünn. Mit uns Mädchen sind sie ja noch einigermaßen gut umgegangen, aber die Männer, die haben sie grausam behandelt.

Einmal im Monat durften wir in die Dusche. Es war eine Riesendusche und wir Frauen mussten uns vor den Wachposten ausziehen. Alles mussten wir vor ihnen ausziehen und haben uns dabei schrecklich geniert. Unter uns waren auch Frauen aus Russland, die waren als Zwangsarbeiterinnen nach Deutschland gekommen und haben hier gearbeitet. Dafür waren jetzt mit uns eingesperrt. Die Wärter waren zu ihren eigenen Leuten genauso wie zu uns, die haben keinen Unterschied gemacht.

In Bautzen waren wir erst zu viert in einer Zelle. Die hatte eine Pritsche und drei Etagenbetten. Wir mussten um 6.00 Uhr aufstehen und durften uns erst um 22.00 Uhr hinlegen. In der Zwischenzeit durften wir uns nicht auf das Bett legen, das wurde ständig kontrolliert.

Dann wurden die Zellen aufgelöst und wir kamen in einen großen Saal, da waren wir 102 Frauen in einem einzigen Raum. Der hatte sogar richtige Toiletten und einen extra Waschraum. Dort hat sich kaum jemand um uns gekümmert. Die Wachposten sind nur zur Essenausgabe in den Saal gekommen, sonst nicht.

Hier wurde ich dann krank. Erst dachte ich, ich hätte nur Halsschmerzen, doch es war Diphtherie, an der damals viele Gefangenen litten und starben. Ich konnte kaum noch schlucken und kam ins Lazarett. Ich war schon ganz abgemagert und die Ärzte, das waren auch alles Häftlinge, meinten, ich würde wohl sterben. Mit mir im Raum lag aber noch eine Frau, die war dem Tod noch näher als ich und konnte gar nicht mehr schlucken. Deren Essen habe ich dann auch gegessen und so habe ich überlebt. Das war grausam, ja, aber so war das damals. Ich war 18 und wollte leben. Das war an meinem 18. Geburtstag und an jedem Geburtstag den ich habe, muss ich daran denken. Es sind ja so viele gestorben.

Später kamen wir nach Sachsenhausen. Wie Vieh wurden wir in Viehwaggons geladen und waren zwei Tage lang unterwegs, ohne Essen und Trinken. Nur einmal hielt der Zug an und wir bekamen rostiges Wasser von der Lok und Brot mit Marmelade. Ich habe die Marmelade nicht genommen, denn davon bekam man noch mehr Durst.

Mittags kamen wir dann in Sachsenhausen an. Es war eine glühende Hitze. Wir standen in der Sonne und wurden registriert. Das dauerte unendlich lange und die Leute saßen in der prallen Sonne auf ihrem Gepäck oder auf dem Boden, ohne was zu trinken. Manche sind dann gestorben, die sind einfach umgefallen und waren Tod. Erst abends um halb neun kamen wir endlich ins Lager und wurden auf die Baracken aufgeteilt. Hier blieb ich dann bis zum 23. Januar 1950.

Von meiner Entlassung will ich noch erzählen. Die Leute im Bus und im Zug haben mir alle angesehen, wo ich herkam. Es hatte sich ja inzwischen herumgesprochen, dass die Lager aufgelöst wurden und die Leute haben mich überhäuft mit Geschenken. Die steckten mir Geld zu, ein Bauer gab mir Wurst und Käse. Als ich zu Hause ankam, da hatte ich soviel zu Essen wie noch nie zuvor.

Nach dem 17. Juni 1953 habe ich dann die DDR verlassen. Man hatte mir schon wieder gedroht, weil ich den Mund nicht halten konnte und es wurde mir zu gefährlich. Noch einmal eingesperrt werden wollt ich nun wirklich nicht.

 

Noch immer ist es vielen Frauen nur sehr schwer möglich, über die Gründe ihrer Haft und das, was sie erlebten, frei und offen zu berichten. Nicht jede hat die Kraft, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Manche können es nur, wenn ihre Anonymität dabei gewahrt bleibt. Um so notwendiger ist daher, ihre Geschichte zu erzählen. Nicht die Opfer sollten vor Scham schweigen - die Täter sollten es.


Nachdem wir von einer bezahlten Fluchthelfergruppe sitzen gelassen wurden und uns schon in der Tschechoslowakei befanden, von wo die Reise beginnen sollten, versuchten wir alleine bis nach Österreich zu gelangen. Wir hatten in Berlin alles hinter uns abgebrochen. Unsere beiden Kinder, Sabine 6 Jahre und Heiko fast 3 Jahre alt, nahmen mein Mann und ich natürlich mit uns.

Nach einem gescheiterten Grenzübertritt in der Nähe von Bratislava suchten wir nach weiteren Möglichkeiten, um nach Österreich zu gelangen. Als dies jedoch aussichtslos wurde, gingen wir über die "grüne Grenze" nach Ungarn. Auch von dort versuchten wir mehrere Male in die Nähe der Grenze zu kommen. Mit zwei Kindern war uns das Risiko letztendlich aber zu groß.

So wurden wir im Januar 1975 in Ungarn bei einer Passkontrolle verhaftet. Die Ausweise waren längst abgelaufen! Mein Mann und ich wurden zunächst in Budapest in Gewahrsam genommen, die beiden Kinder zurück nach Ost-Berlin geflogen. Wir nahmen fest an, dass man sie zu meiner Schwiegermutter in Ost-Berlin bringt, dem war aber nicht so.

Als ich im September 1975 nach Berlin-Hohenschönhausen gebracht wurde, galt meine erste Frage dem Verbleib meiner Kinder. Man zuckte jedoch nur mit den Schultern. Auch als der Anwalt kam und mich später dann meine Schwiegermutter besuchen durfte, wusste niemand etwas über den Aufenthaltsort der Kinder.

Ich hatte inzwischen in meiner Zelle die wildesten Träume, in denen meine beiden Kinder weinten und nach mir riefen. Manchmal befürchtete ich schon, sie seien nicht mehr am Leben. Während meiner Einzelhaft hatte ich auch niemanden zum Reden und nichts zu lesen. Die Verhöre waren die einzige Unterbrechung dieser endlosen Tage. Meinen Mann hatte ich seit unserer Verhaftung nicht mehr sehen dürfen und es war auch kein Briefwechsel mit irgend jemanden erlaubt. Nach 1 ¼ Jahr Einzelhaft war ich am Ende und hatte keine Nerven mehr.

Anfang Mai 1976 war dann meine Verhandlung. Aus 3 ½ Jahren wurden nach der Berufung dann 2 ½ Jahre Haftstrafe. Vor meinem Geburtstag am 1. Juni brachte man mir nach dem Besuch des Rechtsanwaltes dann ein Foto unserer beiden Kinder in die Zelle. Es lässt sich nicht beschreiben, was ich empfunden habe. Um all diese seelischen Strapazen zu überstehen war ich in eine Art Starre verfallen. Eine Kameradin, die mit mir entlassen wurde und mich bis dahin nicht kannte, sagte mir, dass mein Gesicht wie versteinert gewesen wäre. Meine Schwiegermutter war eine sehr resolute, mutige und hartnäckige Frau. Sie rannte sich die Hacken ab um herauszufinden, wo die Kinder sind, stritt sich immer wieder mit dem Rat des Kreises, aber auch sie erreichte nichts.

Inzwischen kam ich nach Hoheneck. Ich weiß nicht mehr in welchem Monat, es könnte Juni gewesen sein. Als ich dort Besuch von der guten Schwiegermutti bekam, war sie nicht nur über meinen Gesundheitszustände entsetzt sondern auch über die Auswahl die sie treffen sollte - es war nur ein Geschenk erlaubt und sie sollte sich nun entscheiden, ob sie mir den von mir gewünschten Schnittlauch oder die Haarklammern geben wollte. Sie berichtet meinen Eltern in der Bundesrepublik davon. Diese standen die ganze Zeit während meiner Inhaftierung mit einem Westberliner Anwaltsbüro in Verbindung, welches mit Dr. Vogel zusammen arbeitete. Von dort wurde dann irgendwie veranlasst, dass ich auf Grund meines schlechten Gesundheitszustandes im Oktober 1976 freigekauft wurde.

Vorher wurde ich mit anderen von Hoheneck nach Karl-Marx-Stadt gebracht. Dort vergingen wieder 14 Tage in Ungewissheit über das, was mit uns geschieht. Auf Entlassung ließ uns das gute Essen hoffen, welches es während dieser Zeit gab. Als wir dann im Hof von Karl-Marx-Stadt in den Bus steigen konnten, der uns in den Westen brachte, fielen sich alle Ehepaare glücklich in die Arme. Ich hatte schon in der U-Haft in Berlin einen Antrag auf Familienzusammenführung in Verbindung mit dem Antrag auf Ausreise gestellt, jedoch ohne meinen Mann fragen zu können! Nun saß Ich im Bus alleine mit meinem Zweifel, ob ich richtig gehandelt hatte. Als wir dann auf dem Weg zur Grenze noch an einem Garten vorbei fuhren, in dem auf der Wäscheleine Kinderkleidung im Wind flatterte, bekam ich einen Nervenzusammenbruch. Die Ungewissheit, ob ich meine Kinder je wiederbekomme und auch meinen Mann, wurde mir plötzlich mit aller Macht bewusst. Ich war eine der wenigen im Bus, die sich nicht freuen konnte.

Mit Unterstützung meiner Eltern fing ich im Westen neu an, was mir auch gelang. Noch 1976 wurde auch die Hartnäckigkeit meiner Schwiegermutter belohnt - man nannte ihr endlich den Aufenthaltsort der Kinder. Beide waren von Ungarn aus in ein Kinderheim der DDR gebracht worden. Etwa 6 Monate blieben sie zusammen, dann stellte man fest dass Sabine, mittlerweile fast 8 Jahre alt, eingeschult werden müsse und man trennte sie. Kann man sich die Kinderseelen vorstellen, erst innerhalb von 10 Minuten von den Eltern getrennt riss man sie beide nun auch noch auseinander. Besonders Sabine fühlte sich doch immer für ihren kleinen Bruder verantwortlich. Immer wenn sie nach uns fragte, sagte man ihr, sie hätte keine Eltern mehr, die wären tot. Sie antwortete jedoch stets, das glaube sie nicht. Darauf die Erzieherin, sie bekäme andere Eltern! Und Sabine wieder, nicht ohne meinen Bruder!

Zuerst durfte nur Sabine übers Wochenende mit der Schwiegermutti nach Berlin fahren, später auch Heiko. Dann eines Tages wurden sie aus dem Heim entlassen und durften beide bei den Großeltern leben. Dadurch bekam ich die Gelegenheit, endlich auch einmal mit meinen Kindern telefonieren zu können. Sabine erkannte mich am Telefon noch, Heiko konnte sich aber nicht mehr an mich erinnern.

Trotz meines schlechten Gesundheitszustandes nahm ich schon im Februar 1977 eine Arbeit auf. Ich wollte meiner Familie ein Heim schaffen. Da ich nicht voraussehen konnte, wann das sein wird, war ich in ständiger Sorge, das Nötigste nicht rechtzeitig beisammen zu haben. Nachdem ich es endlich auch finanziell ermöglichen konnte, machte ich mich auf gut Glück auf eine Fahrt nach Ungarn auf, um dort meinen Mann im Gefängnis zu besuchen. Die Fahrt dauerte etwa 30 Stunden. Als ich endlich am Ziel war, bemühte ich mich verzweifelt um eine Besuchserlaubnis, was mir nach vielen Laufereien auch gelang. Nach 2 Jahren und 3 Monaten war es das erste Wiedersehen für uns, wenn auch im Beisein eines Dolmetschers. Mein Mann erfuhr endlich, was mit mir und den Kindern geschehen war. Ich werde nie vergessen, wie überwältigt er war. Insgesamt sechs Mal habe ich ihn jeweils für eine halbe Stunde besuchen und sprechen dürfen, wenn auch immer nur auf Ungarisch. Im März 1978 wurde er dann über Ostberlin in den Westen entlassen. 1995 ist er nach einem dritten Herzinfarkt 60jährig gestorben.

Unsere Kinder durften Anfang 1978 die Schwiegermutter begleiten, die als Rentnerin aus der DDR ausreisen konnte. Das war einer der schönsten Tage meines Lebens. Es dauerte auch nicht lange, bis mein Sohn seine Mutter wieder lieb hatte. Ich bin heute noch genauso glücklich wie damals, solche Kinder zu haben.

Bis an mein Lebensende werden ich all denen dankbar sein, die sich in dieser schweren Zeit für uns eingesetzt haben: der Bundesregierung, den Rechtsanwälten und den Hilfsorganisationen. Besonders aber meinen Eltern, die uns jahrelang finanziell unterstützt haben und meiner beherzten Schwiegermutter, die nicht locker ließ, bis sie endlich ihre Enkelkinder aus dem Kinderheim holen konnte.

 

Tatjana Sternberg, geb. 14.03.52 in Berlin

Mein Verbrechen war, dass ich einen Mann heiraten wollte, den ich liebte. Ich war gerade 20 Jahre alt, als ich bei meiner Arbeit im damaligen Hotel Stadt Berlin einen Mann aus Westberlin kennen lernte. Er besuchte mich so oft er konnte und wir verliebten uns. Bald stand für uns fest, wir wollen heiraten. Ordnungsgemäß stellte ich einen Ausreiseantrag, doch der wurde abgelehnt. Was ich nicht ahnte: Fortan war ich im Visier der Stasi und wurde Tag und Nacht überwacht. Der irrwitzige Deckname der Stasioperation lautete: "Hänsel und Gretel".

Die Stasi setzte einen Lockvogel auf mich an, der mir die Flucht mit einer Fluchthelferorganisation vorschlug. Als ich dann mit ihm Absprachen und Vorbereitungen für die Flucht traf, schlug die Stasi zu. In meiner Lichtenberger Wohnung wurde ich am 7. November 1973 verhaftet und nach einem 14-stündigenVerhör bei der VP Keibelstraße - wo die Türen keine Klinken hatten, in die Untersuchungshaftanstalt Pankow- Kissingenstraße eingeliefert. Der Vorwurf: Versuchte Republikflucht. Damit begann die schlimmste Zeit meines Lebens. Meine drei mal vier Meter große Zelle hatte kein Fenster, undurchsichtige Glasbausteine nahmen mir den Blick auf die Welt draußen. Ich fühlte mich wie lebendig begraben und der Stasi hilflos ausgeliefert. Einzelhaft, Schlafentzug, Besuchs- und Kontaktsperre, alles mit dem Ziel der Erpressung von Aussagen. Das ganze Repertoire der Stasi wurde durchgespielt: ständige Verlegungen innerhalb der Haftanstalt mit dem Ziel der Verunsicherung und Störung der Orientierungsfähigkeit, der Einsatz von Abhörgeräten in den Zellen und der Einsatz von Zellenspitzeln, wechselnde Vernehmungspraktiken, Androhung hoher Haftstrafe, dann wieder sofort Freilassung, wenn ich mit dem MfS zusammenarbeite, Androhung von Verfolgung meiner Familie. Das alles dauerte ein Jahr.

Was keiner wusste, ich war schwanger von meinem Westberliner Freund, der inzwischen ebenfalls inhaftiert war. Unter den Strapazen der Verhöre und der Haft verlor ich unser Kind jedoch während dieser Zeit schon im 3. Monat.

Im Mai 1974 war dann der Prozess, bei dem ich zu 4 ½ Jahren verurteilt wurde. Ich legte Berufung ein und das endgültige Urteil lautete für mich dann 3 Jahre und 8 Monate Haft im Frauengefängnis Hoheneck.

In Hoheneck kam es immer wieder zu verbalen Auseinandersetzungen mit den Wärterinnen und den Mörderinnen und Kriminellen. Ich wurde als renitent eingestuft. Für mich wird Arbeitseinsatz bis an die Belastungsgrenze angeordnet. Wir mussten Bettwäsche für den Export nähen und große Warenhäuser in der Bundesrepublik kauften die billigen Sträflingsprodukte. Unsere Arbeitsnorm war enorm hoch, Arbeit im 3 Schichtsystem, auch an den Wochenenden, Sonderschichten. Wir lebten mit 24 Gefangenen auf 24 qm pro Zelle, hatten keine körperlichen Aktivitäten und nur 20 min Hofrundgang am Tag. Es gab Denunziationen durch Mörder und Kriminelle. Wegen sinkender Arbeitsleistung und Protest gegen die unzumutbaren Arbeits- und Lebensbedingungen wurden immer wieder Disziplinarmaßnahmen wie Ausschluss vom Hofrundgang, Entzug des "Verdienstes", Einkaufsverbot, Postsperre, Besuchssperre gegen uns verhängt, verbunden mit Misshandlungen durch das Wachpersonal. Es gab einen gefürchteten Schlägertrupp dort. Andere Maßnahmen waren Freizeit- und strenger Arrest bei Wasser und Brot und nur jeden 3. Tag eine lauwarme Suppe.

Mein Widerstand führt immer wieder zu strengem Einzelarrest in der Kellerzelle mit Liegeverbot und Zellenverdunkelung. Einmal drangen Abgase aus der über der Arrestzelle befindlichen Autoreparaturwerkstatt drang die Öffnung der undurchsichtigen Glasbausteine im Fenster in die Kellerarrestzelle. Ich wollte raus, glaubte zu ersticken, schlug mit meinen Fäusten und dem Sitzhocker gegen die Zellentür. Mitarbeiter des Wachpersonals öffneten die Arrestzelle. Einer von ihnen schlug mir mit der Faust derart ins Gesicht, dass ich rückwärts hinschlug und bewusstlos wurde. Als ich langsam zu mir kam, erkannte ich schemenhaft einen Mann im weißen Kittel, der mir trotz Fußgestrampel eine Spritze (Lepinal 0,2) gab. Ich erwachte später in einer Gummizelle und fand mich in einer weiß-grauen Zwangsjacke wieder. Wie lange ich mich dort aufhalten musste, ist ihr nicht mehr erinnerlich. Ich erinnere mich nur noch, dass ich dort ohne Behältnis meine Notdurft verrichten musste.

Wir litten unter Mangelernährung, hatten unzumutbare hygienische Verhältnisse wie Duschen 1x im Monat. Während meiner 3-jährigen Haftzeit durfte ich 2 x Besuch Empfangen, 1x im Monat einen Brief an meine Familie schreiben, 1x Post erhalten - alles streng zensiert, die Meisten wurden mir nie ausgehändigt.

Die unmenschlichen Haftbedingungen zeigten ihre Spuren auch bei mir und ich bekam Medikamente gegen meine Krankheiten. Hier schob mir das Personal dann auch Prothazin unter, ein Psychopharmaka, dass die Reaktionsfähigkeit massiv einschränkt, tief im Gehirn wirkt und süchtig macht. Dies erfuhr ich erst nach der ersten Akteneinsicht 1996. Die Dosis wurde ständig verändert. Schließlich kam der Kollaps: Mit Vergiftungserscheinungen kam ich auf die hafteigene Krankenstation. Die Dosis wurde so erhöht, dass ich mich an nichts mehr dort erinnern kann; ich war fast tot. Nach der Arreststrafe litt ich dann einige Zeit unter massivem Sprachverlust.

1976 kam Bewegung in meinen Fall, ich sollte freigekauft werden. Weil es schnell gehen musste, landete mein Fall sogar auf dem Schreibtisch von Stasi-Chef Erich Mielke. Anfang Oktober 1976 unterzeichnete er die Einwilligung zu meinem Freikauf und am 26. Oktober 1976 fuhr ich mit dem Häftlingsfreikaufsbus von Karl-Marx-Stadt über Herleshausen nach Gießen.

Im Westen flog ich sofort zu meinem Freund nach Westberlin; auch er war wieder frei. Nach all diesen Qualen waren wir am Ziel. 1984 erblickte unser Sohn das Licht der Welt. Doch unsere Ehe zerbrach, die Jahre im Gefängnis hatten uns verändert. Ich ging immer weniger aus dem Haus, bekam Angstzustände, war über lange Zeit nicht mal mehr in der Lage, meinen Alltag zu bewältigen. Eine jahrelange Odyssee von Arzt zu Arzt begann; einige hielten mich sogar für einen Hypochonder. Erst eine Rehabilitationskur mit psychosomatischem Schwerpunkt förderte dann die Ursachen zu Tage.

Gemäß Auswertung meiner Stasiunterlagen befand ich mich in meiner fast 3-jährigen Haftzeit insgesamt 13 Wochen in Einzelhaft bzw. im strengen Arrest. Mir wurden ohne Aufklärung während der Haftzeit die nachstehend aufgeführten Medikamente verabreicht: Nifuran, Tyrasol, Simagel, Normacol, Cholosysnon, Chloramphenicol, Faustan, Radepur, Mephentermin, Lepinal und Prothazin.

Mit dem Mauerfall hatte mich die Geschichte dann wieder eingeholt. Durch jahrelange psychologische Hilfe, gerade bei der Beratungsstelle Gegenwind, konnte ich meinen Zustand endlich stabilisieren. Glücklicherweise sind meine Stasiakten umfangreich erhalten und belegen auch hier, wie mit Ausreisewilligen und Andersdenkenden, die Widerstand leisteten, umgegangen wurde. Bei der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Birthler-Behörde, wurde zu meiner Person bisher gefunden: 1996 - 1500 Seiten, 1998 - 1300 Seiten und 2004 weitere 4000 Seiten. Alles Informationen über einen jungen Menschen, der heiraten und im Land seines Ehepartners leben wollte. Was für ein Wahnsinn!

Darüber, dass ich das alles überlebt habe, kann ich mich bis heute nicht mal richtig freuen.

Copyright by Frau Sterneberg

 

Ich wurde 1921 in Thüringen geboren. Mit 21 Jahren heiratete ich einen Offizier, der 1943 bei Stalingrad in Kriegsgefangenschaft geriet. Ich selbst war zu dieser Zeit als Stabshelferin bei der Rüstungsinspektion in Brüssel tätig. Mein Mann wechselte in der Gefangenschaft die Seite und wurde Mitbegründer des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ und des "Bundes Deutscher Offiziere". Damit geriet ich in Sippenhaft und wurde Mitte 1944 ohne Angabe von Gründen vom deutschen Sicherheitsdienst – das war die Gestapo in den besetzten Gebieten – verhaftet und in das Staatsgefängnis gebracht. Kein Verhör, keiner klärte mich auf, warum ich dort war. Mit der Invasion der Alliierten wurde das Gefängnis geräumt und über viele Umwege kamen wir schließlich im Emsland an.

Da man mich bei der Moorkultivierung nicht gebrauchen konnte, gelang es mir meinen Bewacher zu überreden, mich mit nach Berlin zu nehmen. Ich erklärte ihm, dass ich mich in der Gestapozentrale in der Prinz-Albrecht-Straße über den Grund meiner Verhaftung informieren wollte. Dort angekommen hatte ich kaum meinen Namen und mein Anliegen gesagt, da wurde ich auch schon in Handschellen gelegt und erneut in Einzelhaft gesperrt, diesmal in Berlin-Moabit. Nacht für Nacht, oft aber auch am Tag, gab es Bombenalarm. Wir durften aber nicht in die Keller, auch nicht, als die Bomben ganz in der Nähe des Gefängnisses fielen.

Irgendwann wurde ich dann nach Erfurt verlegt und Ende 1944 plötzlich entlassen. Ich lebte auf dem Gut meiner Familie, blieb aber unter Beobachtung, unser Telefon wurde abgehört und die Post kontrolliert.
Nach dem Krieg wurden dann unsere Güter im Rahmen der Bodenreform enteignet. Innerhalb nur einer halben Stunde erfolgte die Vertreibung von Haus und Hof und wir mussten sehen, wo wir bleiben. Auf Grund unserer unterschiedlichen politischen Ansicht erfolgte dann 1948 die Scheidung von meinem Ehemann, der während seiner Zeit in Russland von den Sowjets für seine neuen Aufgaben geschult wurde und von dort Rundfunkansprachen hielt. Noch im selben Jahr heiratete ich einen anderen Mann.

1948, zwei Tage vor Weihnachten wurde ich dann in Erfurt vom NKWD verhaftet. Wieder wusste ich zunächst nicht warum. Erst nach vielen Verhören erfuhr ich, dass ein früherer Kamerad meines Mannes als angeblicher Agent verhaftet war und die Namen aller seiner Bekannten als Mitwisser bekannt gegeben hatte, auch meinen. Außerdem wurde mir klar gemacht, dass ich als Tochter eines Großgrundbesitzers eine gefährliche Person sei, die sich zudem von ihrem Mann, der bei den Russen hoch angesehen war getrennt hatte.

Von Erfurt wurde ich dann ich das Untersuchungsgefängnis in Weimar eingeliefert. Ich kam mit fünf anderen Frauen in eine Einzelzelle. Als Mobiliar hatten wir einen hochklappbaren Tisch und ein an der Wand befestigtes Klappbett. Zwei Strohsäcke, einen Toilettenkübel (ein früheres Sauerkrautfass), einen Kaffeekessel für das Trinkwasser und eine Schüssel mit Wasser zum waschen. Das musste zum waschen für uns alle reichen, dann kam mit dem Rest die Wäsche dran und zum Schluss wurde damit die Zelle gewischt.

Alle vier Wochen durften wir nachts unter strengster männlicher Bewachung duschen. Nach dem Nachtappell musste man sich sofort hinlegen und zwar so, dass der Posten bei Licht die Augen sehen konnte. War man gerade eingeschlafen, wurde man zum Verhör geholt. das ging so Nacht für Nacht stundenlang und immer wieder dieselben Fragen. Am Morgen durfte man dann wieder in die Zelle zurück, durfte sich aber nicht wieder hinlegen. Tage, Wochen, ja sogar Monate lang.

Im Februar 1950 kam endlich das Tribunal. Ich wurde wegen Spionage zu 20 Jahren Strafarbeitslager verurteilt und kam über Bautzen nach Hoheneck. Nach der furchtbaren Untersuchungshaft und den sowjetischen Drangsalierungen glaubten wir der Hölle entronnen zu sein. Wir waren ja jetzt bei unseren deutschen Landsleuten. Doch weit gefehlt, wir wurden mit den Worten begrüßt: wenn es eine Gerechtigkeit gäbe, wäret ihr längst verreckt. So begann der sozialistische Strafvollzug und so blieb er auch die ganzen Jahre bis zur Entlassung. Wir wurden wie Schwerverbrecher behandelt, später sogar mit Kriminellen und Mörderinnen zusammengelegt, die uns gegenüber bevorzugt wurden.

Die Unterkunft war genauso wie im sowjetischen Untersuchungsgefängnis: Kübel, Strohsack, Wasserschüssel usw. nur war hier die Überbelegung der Zellen noch stärker.

Wenn wir bis dahin unsere Zivilkleidung getragen hatten (meine fiel mir allerdings nach 15 Monaten fast vom Körper und bestand nur noch aus Löchern), so bekamen wir jetzt „Anstaltskleidung“: eine zu große zerlumpte Männeruniform, zwei alte Männerunterhosen, zwei Russenhemden, Holzschuhe mit Fußlappen und ein Kopftuch, das immer getragen werden musste. Wir besaßen weder Schlüpfer, noch BH, noch Strümpfe. Alle 10 Tage war Wäscheabgabe; Duschen durften wir alle 14 Tage.

Das konnte man alles mit einiger Disziplin und vor allem dem Zusammenhalt der Kameradinnen ertragen, auch den entsetzlichen Hunger. Viel schwere aber wogen die kleinen Sticheleien und Schikanen des Wachpersonals. Und dann die Ungewissheit, wie es unseren Angehörigen ging. Jahrelang hatten wir keine Verbindung zu ihnen und sie wussten nichts von uns. Wie lange würden wir hier aushalten müssen? Einen ersten Brief - 15 Zeilen auf einem halben DINA4 Bogen - durften wir nach Wochen - für mich waren es Jahre - schreiben und zwar ein Mal im Monat und ebenso eine Antwort erhalten. Die war aber oft stark geschwärzt, wenn dem Kontrollpersonal ein Ausdruck, Name oder Satz nicht passte und es "Spionagenachrichten" dahinter vermutete.

Später durften uns die Angehörigen auch Pakete schicken. Mit Wonne schnitten manche Wachmeisterinnen (es gab aber auch menschliche verständnisvolle) den Kuchen, die Wurst oder das Obst entzwei - es hätte etwas Verbotenes darin verborgen sein können - und schütteten dann alles zusammen. Auch Fotos, die im Brief mitgeschickt wurden, durfte man sich nur kurz ansehen. Dann wurden sie wieder abgenommen oder gar zerrissen. Bei Razzien, die sehr oft stattfanden, wurde alles, aber auch alles durchwühlt und verwüstet und winzigkleine Habseligkeiten weggenommen. Mit diesen Schikanen und Demütigungen wollte man uns treffen. Das gelang dem Wachpersonal aber nur selten. Auch bei der Anwerbung von Spitzeln unter uns hatten sie keinen Erfolg.

Nach Monaten durften wir auch Besuch empfangen. Eine halbe Stunde Sprechzeit, Begrüßung ohne persönlichen Kontakt. Mich besuchten ein Mal meine Mutter und ein Mal mein Vater. Ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, dass kurz nach meiner Einlieferung in Hoheneck meine Eltern ohne jeglichen Kommentar und ohne Absender alle meine Effekten - das sind persönliche Dinge, wie Kleidung, Wäsche, Schuhe, Briefe, etc., die ein Häftling bei Einlieferung in ein Zuchthaus abgeben muss - erhalten hatten. Sie mussten somit also annehmen, dass ich verstorben war.

Ein Kapitel möchte ich noch kurz erwähnen. 30 Babys und Kleinkinder, die im Lager geboren wurden, waren von Sachsenhausen mit ihren Müttern nach Hoheneck gekommen. Auch in Hoheneck wurden noch Kinder geboren. Unter fadenscheinigen Gründen wurden den Frauen nach wenigen Wochen mit Gewalt die Kinder weggenommen und in ein Kinderheim gebracht. Die Mütter haben viele Jahre kein Lebenszeichen von ihren Kindern bekommen. Andere Kinder wurden nach Verhaftung ihrer Mütter zur Zwangsadoption freigegeben. Nach Entlassung der Mütter war es für viele sehr schwierig, ihre Kinder wieder zu bekommen.

Nach über 5 Jahren wurde ich im Rahmen einer großen Entlassungswelle entlassen, und zwar in die DDR zu meinen Eltern, obwohl mein Mann in der Zwischenzeit in den Westen übergesiedelt war. Ich musste bei der Entlassung unterschreiben, dass ich nicht in den Westen gehe. Trotz dieses Verbotes ging ich doch über die Grenze. In meiner neuen Heimat war es schwer, Fuß zu fassen. Mit großer Skepsis begegnete man mir. Ich bekam zu hören: "Wenn man 5 Jahre im Zuchthaus gesessen hat, muss man auch etwas getan haben" oder sogar "Wenn Sie zu 20 Jahren verurteilt und bereits nach 5 Jahren entlassen wurden, haben Sie sicher einen Auftrag von der DDR bekommen". Obwohl ich bei meinen Bewerbungen nichts verschwiegen hatte, wurde ich bei 2 Arbeitsstellen kurzfristig wieder entlassen.

Ich konnte kaum offen über das Vergangene sprechen, zumal meine Eltern noch in der DDR lebten und viele Kameradinnen noch drüben waren. Ich durfte sie nicht gefährden. Erst nach dem Mauerfall wurde das anders. Im Übrigen lehnte mein Mann nach meiner Entlassung ein weiters Zusammenleben mit mir ab.

 

 

Catharina Mäge 28.12. 1956

Meine Fluchtgeschichte
 
Ich bin Berliner.
Geboren zu Zeiten der Sektoren im heutigen Berlin-Mitte 1956 als dritte und jüngste Tochter zweier Studenten.
Durch frühe Elternschaft und die Studien ergab es sich, dass Großeltern und zwei Tanten die Kinderbetreuung von uns drei Schwestern übernahmen.
So war es auch im Sommer des Jahres 1961. Am 13. August wurden Zäune als Sperren errichtet und die Familie getrennt. Meine Großeltern waren über Nacht vom anderen Teil Berlins und meinem Vater in Dresden getrennt.
Die Großeltern wohnten in der Gartenstrasse in unmittelbarer Nähe des Nordbahnhofes sowie der Bernauer Strasse, die mit Bildern vermauerter Fenster in die Erinnerungen vieler einfloss.
 
Als Kind sehe ich mich noch durch die Sektorengrenze zu Fuß wechseln. Bilder von Uniformierten der einen als auch der anderen Seite. Aus Richtung amerikanischen Sektors verbindlich freundliche Männer zu einer alten Frau mit Kind. Wenige Schritte weiter stupide, bärbeißig und bedrohlich schweigende Männer.
 
Auch Lärm, Aufregung, sich überschlagende Radiomeldungen, Interviews mit tränenerstickten Stimmen von frisch getrennten Familien, das metallische Echo von Megaphonen, Polizeisirenen, gehören zu den Stunden, Tagen, Nächten um den dreizehnten August.
Im folgenden Herbst, zum Totensonntag, zählt eines der einprägsamsten Impressionen für mich als Kind: das verriegelte Friedhofstor und der Teppich aus Blumen, Gestecken und zahllosen Kerzen all jener, die den Friedhof der Sankt Hedwigs-Gemeinde nicht mehr betreten durften. Ringsum war alles dunkel, verlassen und das stumme Gedenken doppelt einprägsam für meine Kinderseele.
 
Meine Großeltern waren Rentner, als die Mauer entstand. Es war vorhersehbar, dass sie mich nicht bis zum Ende der Schulzeit bei sich behalten konnten. Als alte Sozialdemokraten lag ihnen daran, dass ich die Chance auf eine solide schulische Ausbildung bekam. Das hieß, mich zu meiner Familie in den “Osten” zu schicken, durch den eben erst errichteten “antifaschistischen Schutzwall”.
Meine Großmutter bewältigte alle Formalitäten, dies möglich zu machen.
Eines Tages ließ man mich wissen, dass ich zu meiner Familie fahren werde. Also Abschied von all jenen Menschen, die mich mit täglicher Fürsorge behütet hatten, mit Wärme begleiteten, die der bittere Alltag der späten fünfziger Jahre zuließ.
Koffer wurden gepackt, mein Puppenwagen musste mit. Nicht, ohne dass meine Puppe mein “richtiges” Kopfkissen als Zudecke bekam.
Am Tag des Wechsels von hier nach dort erinnere ich mich an eine Fußweg durch Katakomben. Es war der Bahnhof Friedrichstrasse mit der “Halle der Tränen”. Für mich war es ein Slalom durch endlose düstere, kellerartige Gänge, die Steven Spielberg nicht besser in angstauslösenden Bildern hätte verfilmen können.
Am Tageslicht angekommen, wurde ich von meiner Familie abgeholt. An keines der Gesichter konnte ich mich erinnern. Doch es hieß, dass dies meine beiden Schwestern und mein Vater seien. Die Reise an diesem Tag führte noch nach Dresden.
 
1963 wurde ich in die Polytechnische Oberschule eingeschult und schloß sie 1973 mit der Mittleren Reife ab.
 
Sooft es in der Zeit des kalten Krieges möglich war, kamen Familie West zu Besuch zu Familie Ost. Für die Menschen in Berlin-West bedeutete es zu Beginn der “Passierscheinabkommen” stundenlanges, nächtliches Anstehen für die Papiere für ein Wiedersehen. Das war nur zu bewältigen durch Abwechseln. Nächte hindurch. Auch bei Frost.
Doch das Wiedersehen war immer wichtig für alle, wenn auch anstrengend. Am meisten sicher für die Anreisenden aus Berlin-West, weil sie noch die Verpflegung mitbrachten, damit die Gastgeber in Ost-Berlin entlastet wurden. Unvergessliche Bilder für mich sind noch immer die Abschiede auf den Bahnsteigen. Sie rissen uns endgültig aus der Vertrautheit und Wärme der familiären Treffs und entließen uns alle ins Ungewisse auf ein nächstes Wiedersehen. Jedes Treffen hätte das letzte Wiedersehen sein können für alle.
Kurz nach der mittleren Reife lernte ich meinen heutigen Mann kennen. Es brauchte wenig Zeit, zu wissen, dass wir ein Paar sein würden.

 Ich lernte seine Familie kennen, seine Mutter , seinen Bruder mit Frau und Kindern.
Zwei Jahre später etwa fragte mich mein Mann, ob ich bereit wäre, illegal das Land zu verlassen. Er bat mich, darüber nachzudenken, gründlich zu überlegen und beschrieb mir  unsere Möglichkeiten, Risiken und Folgen.
Meine Zustimmung kam umgehend und ohne Zögern.
Es gab für mich nichts zu verlieren als junge Erwachsene von knapp 19 Jahren - ich konnte nur gewinnen.
Meine Bilder “vom Westen” waren durch die familiären Kontakte realitätsnahe, denn es die Familie, die ihren Alltag im umschlossenen Berlin beschrieb, ohne Idealisierungen oder Auslassungen.
 
Mein wichtigster Impuls “in den Westen” zu gehen, war meine Liebe zu Berlin sowie das Hoffen auf ein Leben freier Entscheidungen als Erwachsene.
Für mich war es Luxus: frei wählen zu können, frei entscheiden zu können für mich und meine Zukunft. Mit allen Konsequenzen. Ohne Repressionen, ohne Eingrenzungen, ohne Einmischungen.
Meine Antwort an meinen Freund zu seiner Frage lautetet : “JA”
So schnell wie ich sie traf, so sicher war ich mir. Das blieb auch so, als sich alles Weitere entwickelte.
 
Wir planten also ein illegales Verlassen der DDR. Kontakt wurde angeknüpft über meinen Schwager. Aus den fünfziger Jahren hatte er einen großen Kreis von Studienfreunden quer durch alle Fakultäten mit beständigem Kontakt untereinander in allen Regionen Deutschlands - Ost wie West. Dieser Personenkreis war behilflich die Flucht zu planen, zu organisieren und vorzubereiten. Es sollte eine PKW-Schleusung im Kofferraum werden. Den Anfang sollte mein Schwager mit Frau und zwei Kindern machen.
Diese beiden Kinder sollten frei atmen, leben und frei aufwachsen können. Darum entschieden sich die Eltern für diesen drastischen und dramatischen Weg ins Ungewisse.
 
Nach erfolgter und geglückter Flucht dieser Familie sollten mein Freund mit mir und einem weitern jungen Mann kurz darauf ebenfalls als Kofferraumflüchtlinge folgen.
 
Die Planung und Vorbereitung fiel in den Oktober und November 1975 und blieb unentdeckt. Der erste Versuch , die Familie in den Westen fliehen zu lassen, misslang, weil auf der Strecke zur Übergabe in das  “Schleuserauto” eine Militärkolonne auf einer Landstrasse unterwegs war.
Mein Freund und heutiger Mann fuhr die Familie seines Bruders dorthin und musste leider erfolglos umkehren.
 
Zwei Tage später folgte der nächste Versuch. Das Wechseln von PKW Wartburg in den Opel Admiral gelang. Stunden später wussten wir, das der Grenzwechsel des Fahrzeuges nicht geglückt war und alle vier Personen am Grenzübergang aus dem Fahrzeug heraus verhaftet worden waren. Die Eltern wurden zu Verhören gebracht, die Kinder in ein Kinderheim.
 
Tief in der Nacht traf mein Mann von der langen Autofahrt ein, die seinem Bruder und Familie zu Flucht verhelfen sollte. Es war eine Nacht mit sibirischen Temperaturen und er kam erschöpft an. Den Reste der Nacht verbrachten wir in großer Nähe, nutzten die Zeit, seine Mutter über die Geschehnisse zu informieren. Diese Frau stand davor, mit einem Abstand von Stunden ihrer Familie, ihrer Söhne und Enkel beraubt zu werden. Sie nahm es mit erstaunlicher Fassung und mit einigen wenigen Tränen hin und behielt diese Courage auch für die weitere spannungsgeladene Zeit bei.
 
Mein Mann und ich rechneten fest mit einer Inhaftierung und gingen am nächsten Morgen wie üblich zur Arbeit. Wir kehrten müde ein letztes Mal zurück.
Am Folgetag erschienen zur Mittagszeit auf Arbeit zeitgleich bei jedem von uns Mitarbeiter des MfS (Ministerium für Staatsssicherheit) und forderten uns auf,  “zur Klärung eines Sachverhaltes” direkt und unverzüglich mit ihnen mitzukommen.

 So auch bei mir. Nach einer Fahrt im Wartburg zu viert , fand ich mich in einem Zellentrakt wieder. Und nach Leibesvisitation kurz darauf im Trainingsanzug - der üblichen Haftkleidung - in einer Zelle. Allein in einer Grabesstille und im Ungewissen. Von diesem Moment an gab es keine Privatsphäre mehr, keine private Kleidung, keine Türklinken und ich wurde nur noch mit Nummer “Eins” angesprochen
 
Die Staatssicherheit hatte keinerlei Indizien oder ähnliches gegen mich. Nur die Vermutung, kurz darauf auch meine Aussage, dass ich “wollte” und “wusste”. Nämlich das Land DDR verlassen.

Mir selbst konnte man weder Verleumdung, noch Rufschädigung, noch leichtere oder schwerere kriminelle Handlungen vorwerfen, geschweige denn nachweisen. Einzig und allein meine Gedanken und mein Wille, meine Meinung standen hier als “Delikt” infrage. Mir als Beschuldigter etwas zu beweisen, war so gut wie ausgeschlossen. Alles was ich tat, war, dass ich für mich selbst, zusammen mit anderen , beschlossen hatte, das Land zu verlassen und Wissen um Flucht und Planungen dazu hatte.

Das reichte, mich auf Dauer zu inhaftieren und mich Monate später vor das Bezirksgericht Dresden zu stellen und wegen staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme (zu meinem heutigen Mann) § 100 sowie § 213 gewolltem, geplantem und versuchtem ungesetzlichen Grenzübertritt im schweren Fall eins Verbrechens zu beschuldigen und abzuurteilen.

Das Urteil im Namen des Volkes lautete 1 Jahr und 8 Monate Freiheitsstrafe. Dieses Urteil wurde im Namen des Volkes erteilt, allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Pflichtverteidiger brachte zu meiner Verteidigung als alleiniges Argument zu meinen Gunsten mein Lebensalter von knapp 19 Jahren an. Eigene Möglichkeiten der Verteidigung vor Gericht wurden mir nicht eingeräumt.
Als Staatsverbrecher hatte ich meine Strafe anzunehmen und dies im Strafvollzug unter strengem Vollzug zu verbüßen.
Buße !?
Wie könnte Buße für ein solches Urteil aussehen?
 
Der Strafvollzug befand sich in Stollberg und ist bekannt unter dem Namen Hoheneck ca. 30 km nahe Chemnitz gelegen.
So bald als möglich stellte ich in schriftlicher Form einen “Ausreiseantrag”, dessen Niederschrift als auch postalische Übermittlung mir zuvor wiederholt untersagt wurde.
 
Untergebracht war ich im Strafvollzug in einer Massenzelle zusammen mit achtzehn Frauen in einem Raum von ca. zwanzig Quadratmetern in Dreistockbetten. Die Kleidung bestand als abgelegten und schwarz eingefärbten Uniformen der Vergangenheit. 

Es bestand Zwang zur Arbeit im Drei-Schicht-System mit Stückakkord in verschiedenen Fabriken, die ihre Arbeitssäle im Gelände hatten. Arbeitsverweigerung wurde schwer bestraft. Bei meiner Ankunft war ich die Jüngste in meiner Zelle. Die Mehrzahl der Frauen waren wegen ähnlicher Fluchtgeschichten abgeurteilt, doch überwiegend mit Familie und erwachsener als ich. Vier kriminelle weibliche Häftlinge gab es in meiner Zelle. Zusammen mit mir im Saal arbeiteten 72 Frauen. Unsere Arbeit war es, Bettwäsche zu nähen im Akkord, später Herrenoberhemden. Es gab regelmäßige “Produktionsbesprechungen” mit besonders fleißigen oder besonders faulen Frauen, die dann auch vor versammelter Gruppe namentlich benannt wurden. Als Belohnung für die Fleißigen gab es einen Brief zusätzlich nach draußen oder einen extra Fernsehabend oder ähnliche immaterielle Vorteile.
 
Die Schließerinnen im Gefängnis - “Wachteln” (von Wache abgeleitet) genannt - hatten Mühe ausreichend Druck auszuüben und traten uns Häftlingen oft mit den Worten gegenüber : “Wir haben sie ja schließlich nicht eingeladen.” Das wurde dann meist erwidert mit : “Macht nichts, wir sind hier bald weg und im Westen... dann seid ihr immer noch hier. Hinter Gittern.”

 

So war es dann auch. Es gab Tage voll Unruhe im Haus. Dann gingen “Transporte”. Frauen wurden aus ihren Zellen geholt und verließen das Haus für immer. Sie waren freigekauft und traten ihren Weg in die Freiheit an. Wann dieser Tag für die Einzelne sein würde, war ein Mysterium und mit vielen Spekulationen versehen.
 
So vergingen die Tage in Monotonie. Meinen 20. Geburtstag erlebte ich hinter Gittern. Leider nicht mit geladenen Gästen. Leider nicht in Fröhlichkeit.


Ich lebte jeden Tag , indem ich wie ein Igel rund um die Uhr mit aufgestellten Stacheln lebte. Immer in der Gewissheit, dass von jeder Person zu jeder Zeit eine Intrige, ein moralischer Tiefschlag, ein Bluff  zu gegenwärtigen sei. Ein Lächeln hätte auch das Lächeln des Verrats sein können. Nichts war gewiss.
Ein Zustand, der einerseits  Abstumpfen ähnelte, andererseits meine Kräfte auf mein Ziel frei leben zu können , bündelte und konzentrierte und dennoch strapaziös war.
 
Sicher erschien ich nach außen hin angepasst. Vermied es aufzufallen oder krank zu werden. Bedachte bei jedem Wort, jedem Lächeln wer mein Gegenüber war und ob dies von anderen bewertet wurde.Ich steckte vieles weg, ohne immer wirklich zu verstehen, wie diese Notgemeinschaft funktionierte.
Den Arzt sah ich einmal während der Haft im Strafvollzug. Ursache war das Aussetzen der Regelblutung = Amenorrhoe, die bedingt war durch psychischen Stress und ohne Behandlung dauerhaft hätte werden können. Durch Einnehmen der “Pille” wurde dies dann behandelt.
 
Eines Tages wurde ich zur “Erzieherin” Oberleutnant Bartsch geholt. Sie fing ein Gespräch an über meine Pläne nach der Haft, meine Vorstellungen Arbeit anzunehmen, Wohnung zu nehmen. Meine Sinne waren auf Alarm und ich versuchte jede Regung in Mimik und Stimme zu interpretieren. Sie redete und redete. Ich sei für eine langfristige Wiedereingliederung in die DDR nach Ende meiner Haft vorgesehen. Sie habe ein Formular, das ich auszufüllen habe. Wir wechselten Worte und in meiner Erinnerung blieb: “Sie werden schon wissen, was sie auszufüllen haben.” Damit war ich mir selbst überlassen , das Gespräch war beendet und ich durfte gehen.
Das Formular wanderte umgehend zerrissen in der Zelle per Wasserspülung durch die Toilette. 
Niemals wurde ich wieder danach gefragt.
 
Meine Haftzeit näherte sich seinem Ende. Die Monate nahmen ab. Zehn Monate gab es Stillstand in den “Transporten”. Die Spekulationen stiegen und verstiegen sich. Die Nerven aller, die auf Freiheit und Abschiebung mittels Freikauf hofften, lagen bloß.
 
Drei Monate vor Haftende ging mitten am Tag die Tür auf und ich wurde aufgefordert, alles zusammenzupacken und vor die Tür zu treten.
 
Plötzlich brodelte das ganze Haus vor Unruhe und Lärm. Hinter geschlossenen Türen schrieen sich die Frauen Nachrichten zu. Dazwischen herrische Kommandos von Schließerinnen.
Am Abend fand ich mich in der Haftanstalt in Chemnitz auf dem Kassberg wieder mit zwei weiteren Frauen in einer Zelle. Unsere Abschiebung begann. Sie sollte zwei Wochen dauern. Wir bekamen Essen, bekamen “Freistunde” der übliche Aufenthalt an frischer Luft. Niemand sagte uns Genaueres. Minuten wurden zu Stunden. Stunden zu Tagen.
Die letzten Strapazen.
Eines Tages erhielt ich von Uniformierten meinen Haftentlassungsschein und die Mitteilung, dass ich in die Bundesrepublik Deutschland entlassen werden würde. Dafür würde meine Reststrafe von ca. 3 Monaten (wegen geplanter und versuchter Republikflucht) zur Bewährung ausgesetzt. Mir wurde eine Urkunde “auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR” in DIN A 4 Größe ausgehändigt.
Es kam der Tag, der uns in die Freiheit entließ.
Auf dem Gefängnishof bestiegen wir zwei Busse. Männer und Frauen waren dabei.
Paare sahen sich nach Ewigkeiten wieder. Es ist unvergesslich, wie stumm Freude, Schmerz und Leid sein können und welcher Gestik fähig.
In meinem Bus saß auf der hintersten Reihe ein Mann Mitte zwanzig, der selbst unter uns einen ziemlich abgerissenen Eindruck machte. Man fand ihn auf keiner Namensliste beim Aufruf und Vergleich aller Anwesenden.
Er war sozusagen eine Draufgabe des Freikaufs. Äußerlich machte er eher den Eindruck einer gestrauchelten Existenz. Doch auch dieses Geld , das für diesen Mann gezahlt wurde, brauchte die DDR-Regierung.
 
Mit Anrollen der Busse schaltete der Busfahrer Musik an. Udo Jürgens trällerte “Aber bitte mit Sahne...” und wir durchquerten Chemnitz. Ziemlich makaber dieser Schlager für diesen Moment.
Über die Autobahn, der längsten “Transit-Treppe” holperte der Bus zum Grenzkontrollpunkt Herleshausen. Ja, auch ich saß in einem Bus mit drehbarem Nummernschild, das sich an der Grenze von einem DDR Kennzeichen in ein bundesdeutsches verwandelte. Ziel an diesem Tag war das Notaufnahmelager Gießen.
Kurz vor den Grenzanlage in Herleshausen gab es einen kurzen Halt. Die begleitenden Staatssicherheits PKW, der PKW von Rechtsanwalt Neumann & Salm hielten, um zurückzufahren, es wurden Provianttüten verteilt mit belegten Brötchen Frischobst und Getränken.
Der Bus rollte an, hielt sich weit seitlich und durchquerte ohne Halt alle Schlag-bäume. Der Busfahrer kommentierte “ So macht man das...”
Alle im Bus waren stumm, hielten den Atem an, um endlich die letzten Meter in die Freiheit zu schaffen.
 
Mit Kleidung am Körper und kaum mehr als einer Zahnbürste hatte ich meine Freiheit wieder und war am Ziel angekommen.
 
Nach zwei Nächten in Gießen und Tagen mit Formalitäten trat ich den ersten Flug meines Lebens an, landete in Berlin, wo ich noch heute lebe.

 


 

 

 

 

 

 




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